Erster Neubau einer Kirche in der Türkei seit 100 Jahren ist ein PR-Gag auf Kosten der Minderheiten

Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. TV, Presse und Spitzenpolitiker überschlagen sich mit Lob. Die türkische Regierung hat angekündigt, in Istanbul den ersten Neubau einer Kirche seit 100 Jahren veranlassen zu wollen.

Eine bloße Ankündigung, die ihre Wirkung nicht verfehlt, obschon noch gar nichts passiert ist. Sie schafft es, dass die Türkei nun aufgrund einer eigentlichen Selbstverständlichkeit als Hort der Toleranz und Religionsfreiheit gefeiert wird. Was damit in den Hintergrund der öffentlichen Wahrnehmung gedrängt wird, fragen sich die Wenigsten. Es ist ohnehin viel lustiger sich zu freuen und Witze über eine fiktive „Tükida gegen die Christianisierung der Türkei“ zu reißen, ohne sich mit der Geschichte der christlichen Minderheiten zwischen Bosporus und Euphrat zu beschäftigen, die so alt ist wie das Christentum selbst.

Wer mal wieder in den Mainstreammedien nicht zu Wort kommt, und, wie gewohnt, von der Spitzenpolitik nicht gehört wird, das sind diejenigen, um die es doch vordergründig bei diesem Vorhaben gehen soll: Die mit allen negativen rechtlichen Folgen teilweise nicht einmal als Minderheiten anerkannten, nicht-sunnitischen Religionsgemeinschaften auf türkischem Staatsgebiet.

 

Sinn und Unsinn des angekündigten Baus der Kirche in Istanbul

Die Zeiten, in denen man die erdrückende Indizienlast für eine Unterstützung des IS durch den türkischen Staat (http://www.counterpunch.org/2014/11/11/turkey-is-supporting-isis/), die Ankündigung der Türkei das Urteil des europäischen Menschrechtsgerichtshofs zu ignorieren, und die Religionsfreiheit der Aleviten weiterhin durch verpflichtenden sunnitisch geprägten Religionsunterricht zu untergraben (http://alevido.de/2/73/tuerkei-ignoriert-urteil-des-egmr-zur-religionsfreiheit/), das Festhalten der Türkei an der Nicht-Anerkennung von aramäischen und alevitischen Gemeinden und Vereinen als juristische Personen, was eine permanente Bedrohung durch Zwangsentsenteignung darstellt (http://www.igfm.de/news-presse/aktuelle-meldungen/detailansicht/?tx_ttnews[tt_news]=2786&cHash=3b3de1c525a648b370e80f2b5fdf029f), etc., ansprechen konnte, scheinen mit einem bloßen Satz vorbei.

In sozialen Netzwerken liest man dann außerdem immer wieder das Argument, es gäbe ja schließlich viel mehr Kirchen pro Kopf der christlichen Bevölkerung der Türkei als Moscheen pro Kopf der muslimischen Bevölkerung in Deutschland. Dass dieses Verhältnis durch eineinhalb Jahrhunderte Massaker, Unterdrückung und Vertreibung (http://www.igfm.de/tuerkei/christen-in-der-tuerkei/) zustande gekommen ist, und so die Zahl der Kirchen pro Kopf natürlich höher ist, ist eine simple Rechenaufgabe. Stellten christliche Völker vor dem ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts, also vor ziemlich genau 100 Jahrhundert Jahren, noch gut 30% der Bevölkerung im anatolischen Kernland des Osmanischen Reiches, beträgt ihr Anteil an der Bevölkerung der heutigen Türkei aus o.g. Gründen nur noch ca. 0,1 %.

Kaum einer stellt sich die Frage warum diese Kirche gerade jetzt angekündigt wird, warum eine Kirche für die 12.000 in Istanbul lebenden Aramäer und nicht auch gleichzeitig eine für die 50.000 Armenier der Stadt gebaut werden soll, oder was dieser Neubau überhaupt für einen Sinn macht, wären doch eigentlich im Land genug Kirchen bereits vorhanden, die nicht genutzt werden oder durch den Staat enteignet wurden.

Warum soll eine neue Kirche gebaut werden, wenn es bereits genügend Kirchen und Klöster gibt, die man einfach nur den Gemeinden zurückgeben könnte. Das wäre als Geste viel wertvoller und wahrscheinlich auch wirtschaftlicher. Nein, davon sieht man ab. Schließlich könnte dies Forderungen nach endgültiger Rechtssicherheit und einer Gesetzesänderung für Aramäer und Aleviten seitens ihrer Verbände oder des Auslands nach sich ziehen. Außerdem wäre dies weniger öffentlichkeitswirksam und könnte gleichzeitig eine unangenehme Konfrontation mit der eigenen Geschichte bedeuten.

Bild aus der im Sommer 2014 von einem türkischen Filmteam niedergebrannten griechisch-orthodoxen Mariä Himmelfahrt Kirche in Nevsehir Bildquelle und Artikel dazu: https://kurmenistan.wordpress.com/2014/09/26/turkische-tv-produzenten-lassen-griechische-kirche-niederbrennen/

 

Stimmen zur Ankündigung der türkischen Regierung

Drei Stimmen von Vertreterinnen und Vertretern authochtoner Minderheiten der Türkei, denen Politik und Medien eigentlich zu diesem Thema Raum bieten sollten, dies aber nicht tut, äußern sich auf Facebook wie folgt:

 

Die alevitische Autorin und Frauenrechtlerin Serap Cileli schreibt :

„Das muss man Erdogan lassen. In diplomatischen Angelegenheiten bewegt er sich zwar oft wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen, doch was politische Inszenierungen und Dramaturgie angeht, verdient er den Oscar. Erneut beweist er, wie man schon allein mit der Ankündigung(!) EINES kirchlichen Neubaus, nach fast 100-jährigem Bestehen der türkischen Republik, international Applaus ernten kann. Der Neo-Osmane Erdogan führt das Millet-System wieder ein und alle erliegen dem Traum einer religiösen Gleichberechtigung. Bravo! Was keinem dabei auffällt ist, dass dieses Vorhaben nicht der größten christlichen Minderheiten, den Armeniern versprochen wurde, sondern den aramäischen Christen. Was auch als politisches Signal an die Armenier und die Anerkennung der Aghet zu deuten ist.“ (https://www.facebook.com/Serap.Cileli/photos/a.153687358030611.37329.103246373074710/784319908300683/?type=1&theater)

 

Die Rechtsanwältin und stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Armenier in Deutschland e.V. (ZAD) äußert sich wie folgt:

„Da ist der Türkei ein richtiger PR-Coup gelungen! Allein die Ankündingung eines Kirchenbaus reicht aus, um ein solches wohlwollendes Echo in der westlichen Medienwelt auszulösen. Das Selbstverständlichste auf der Welt (Kirchenbau) wird hier zu einem Großereignis an Fortschritt und Toleranz stilisiert. Wie erbärmlich ist das eigentlich?!“

 

Das beeindruckendste Statement kommt vom Aramäer und humanitären Helfer für durch den IS vertriebene Flüchtlinge „Mike Malke“. Er trifft den Nagel gleich mehrfach auf den Kopf, wenn er schreibt:

„Die Türkei erlaubt, dass eine Kirche gebaut wird?

Jetzt wo sich der Völkermord an den Assyrern/Aramäern, Armeniern, Pontosgriechen und Eziden zum 100. Mal jährt, erlaubst du liebe Türkei, dass eine Kirche gebaut wird? Perfektes Timing…

Liebe Türkei, gib uns stattdessen die tausende von Kirchen zurück die du uns weggenommen hast und lass die Finger von unseren Klöstern!

Liebe Türkei, erlaube es uns endlich wieder Priester ausbilden zu lassen!

Liebe Türkei, du willst den Christen helfen?

Wie wäre es wenn du die Hilfsgüter nach Syrien und Irak durchlässt und die ISIS aufhältst?

Bisher handelst du umgekehrt!

Liebe Türkei, du willst den Opfern helfen?

Wie wäre es wenn du Krankenhäuser für die Opfer bereitstellst und die Täter aufhältst?

Bisher handelst du umgekehrt!

Liebe Türkei, du erlaubst, dass eine Kirche gebaut wird?

Ich will dieses „Geschenk“ nicht haben!“

 

Es bleibt festzuhalten, dass diese Ankündigung vor allem einen Nutznießer hat. Das ist einzig und allein die türkische Regierung inklusive ihrer Lobbyverbände im Ausland.

Wir haben es weder, wie es z.Zt. verbreitet wird, mit einem Zeichen der Toleranz zu tun noch bringt die Ankündigung, egal ob sie in die Tat umgesetzt wird oder nicht, die aramäischen Christen der Türkei auch nur einen Steinwurf näher zu Rechtssicherheit oder gar Gleichberechtigung gegenüber der Mehrheitsbevölkerung. Der Wolf hat in der Tat Kreide gefressen. Ein Wolf bleibt er aber dennoch.

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