Armeniens Titel für den Eurovision Song Contest trägt den Titel „Don’t Deny“ („Leugne nicht“)

Die Gruppe „Genealogy“ bestehend aus Diasporaarmeniern aus 5 verschiedenen Kontinenten tritt 2015 mit dem Titel „Don’t deny“ beim ESC an.

Die Gruppe GENEALOGY (deutsch: Ahnenforschung) wird Armenien beim diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) vertreten.

Die Gruppe besteht aus 6 Musikern, die von fünf Kontinenten kommen, 6 verschiedene Schicksale haben, aber alle mit ihrem Song „Don’t deny“ („Leugne nicht“) am 23. Mai 2015 in der österreichischen Hauptsstadt Wien diesselbe Geschichte erzählen möchten.

Sie bildet sich um den Sänger Essai Altounian, der bislang als einziges Gruppenmitglied bekannt gemacht wurde.

„Essai Altounian wurde am 05. November 1980 in Paris geboren und ist ein Französisch-Armenischer Sänger, Songwriter, Keyboarder, Musikproduzent und auch Schauspieler.“ (http://eurovision-fanclub-rw.blogspot.de/2015/02/armenien-enthullung-vom-ersten.html)

 

Seltsame Kritik von zweifelhaftem Blog

Eines ist Armenien bereits gelungen, bevor der Text des Songs überhaupt feststeht. Man macht von sich reden. Man erntet überwiegend Kritik, weil der ESC unpolitisch zu bleiben habe. Das war er jedoch nie, was auch die Kommentarbereiche der durchgängig schwammig begründeten Negativkritiken, gegenüber deren Autoren bemängeln. Der nächste Absatz verdeutlich dies anhand der Analyse folgender besonders extremer Kritik.

Gibt man dieser Tage „Armenien“ als Suchbegriff bei Google ein, so stößt man auf diesen politisch und sprachlich zweifelhaft verfassten Musikblog http://musik.klarmachen-zum-aendern.de/blogs/edda

Darin heißt es u.a.:

Das „Armenische Gedenken“ soll an den Völkermord an die Armenier vor 100 Jahren erinnern. Armenien will also in einem kommerziellen Wettbewerb zwischen Wegwerfmusik, Punktetabellen, abgefahrenen Frisuren, eigenwilligem Make-Up, Hebebühnen, Feuerwerk, Windmaschinen, Transvestiten-Trash, Klatsch und Tratsch – einen „Gedenksong an Massenmord“ präsentieren. Beim Voten entscheiden Publikum und Jury, ob der „Massenmord-Gedenksong“ gefällt oder nicht. Das ist pietätlos. Abgedroschene Phrasen zu Einheit, Weltfrieden und Toleranz machen das Anliegen nicht ehrbarer. Zutreffender wäre: Armenien missbraucht den Genozid und den ESC mit Gedenksong“

Neben einer gewissen sprachlichen Schwäche was das grammatische Geschlecht des Wortes Völkermord angeht, fällt hier eines ganz schnell ins Auge. Der armenische Beitrag trägt den Titel „Don’t deny“ („Leugne nicht“). Weiteres ist bislang über den Inhalt des Songs gar nicht bekannt.

Die Autorin liest also Titel und Herkunftsland der Interpreten, assoziert Armenien + Leugnen + Lied = „Gedenksong über den Völkermord“. Doch damit nicht genug, die ESC-Siege von Conchita Wurst (Österreich, 2014) und Dana International (Israel, 1998) werden in typisch homophober Manier als „Transvestiten-Trash“ abgetan. Nicole gesellschaftskritischer Antikrigessong, mit dem sie 1982 für Deutschland gewann, wird als „abgedroschene Phrasen“ bewertet. Bei allen weiteren negativen Zuschreibungen gegenüber dem ESC hat man das Gefühl, die Autorin verwechselt ihn mit ihrer Stammkneipe in einem Hinterhof des Ballermann 6 auf Mallorca.

Was folgt sind Unterstellungen und sehr krude Ausführungen, die schließlich in Verschwörungstheorien gipfeln. Die Autorin behauptet der Titelsong Armeniens sei von „Militärstrategen“ geschrieben worden. Sie unterstellt eine gezielte Provokation und Konfrontationsausrichtung Armeniens gegenüber Aserbaidschans, der Türkei und dem sowjetischen Erbe Russlands. Armenien (2,9 Millionen Einwohner, militärische Truppenstärke: 46.684) und seine „Militärstrategen“ nutzen also nach Meinung der Autorin den ESC, um Aserbaidschan (9,5 Millionen Einwohner, militärische Truppenstärke: 150.940), der Türkei (76,7 Millionen Einwohner, militärische Truppenstärke: 718.500) und Russland (143,6 Millionen Einwohner, militärische Truppenstärke: 1.037.000) eine musikalische Kriegserkärung zukommen zu lassen. Das ist eine absurde und martialisch anmutende Theorie für eine „Musikbloggerin“.

Außerdem haben wir es a.) mit Russland zu tun, das den Völkermord anerkannt hat, und nicht mehr mit der Sowjetunion, in der seine Thematisierung ein Tabu darstellte (http://www.genocide.ru/), b.) die Türkei nimmt gar nicht teil, c.) Aserbaidschan ist im Gegensatz zu Armenien eine Diktatur und rangiert beispielsweise in der welweiten Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen 84 Plätze hinter dem kleineren Nachbarn (Armenien: 78; Aserbaidschan: 162). Auffällig ist auch die Lobeshymnen der gleichen Autorin zu Aserbaidschan. Als 2012 Aserbaidschan den ESC austrägt, war sie nach eigenen Angaben selbst dort. Sie lobt die tolle Organisation und Atmosphäre und übt scharfe Kritik an der Kritik europäischer Medien an einem Staat, in dem eine Diktatorenfamilie in zweiter Generation herrscht, Bücher verbrannt werden („Akram Aylisli“), Mörder als Nationalhelden verehrt werden („Ramil Safirow“), Zwangsenteignungen an der Tagesordnung sind („Europaspiele, Stadionbau“), und de facto keine Opposition mehr exisiert („Reporter ohne Grenzen“). Ihre weiteren Artikel, in denen das Wort Aserbaidschan vorkommt, sind ebenfalls Lobeshymnen auf das System und die Mitglieder der Diktatorenfamilie Aliyev. Ihre Herkunft und ihre, in einem Musikblog versteckte, politische Ausrichtung entlarven sich so ganz von selbst.

Die Artikel der Autorin „EDDA“ zu diesen Themen sind mäßig bis schlecht bewertet, wovon sie sich aber offensichtlich nicht beirren lässt. Wäre der Artikel in den Suchergebnissen Googles nicht soweit vorne erschienen, hätten wir ihn nicht beachtet. So, aber wollten wir unbedingt darauf eingehen, um dessen Absurdität zu offenbaren.

 

Türkei und Aserbaidschan fühlen sich (wie immer) provoziert

Voreilige Kritik kommt auch vom Journalisten Jan Feddersen auf der offiziellen Seite der deutschsprachigen Eurovision, der sich somit bei der o.g. Bloggerin sowie den nachstehenden Kritikern einreiht.

In der Türkei kursiert derzeit eine Unterschriftenkampagne bei change.org, die die Disqualifikation Armeniens und Frankreichs seitens der EU fordert (http://www.horizonweekly.ca/news/details/61920). Aserbaidschan strebt indes eine offizielle Beschwerde an. Warum man sich über Armenien beschwert, wurde bereits ausführlich dargelegt. Der französische Beitrag „N’oubliez pas“ (Vergesst nicht) von Lisa Angell stellt ebenfalls schon aufgrund des Songtitels, der den Opfern des ersten Weltkriegs gewidmet sein soll ,eine Provokation für viele Menschen zwischen Istanbul und Baku dar. Sie verraten damit jedoch mehr über sich als über die Lieder, die sie vom Wettbewerb ausgeschlossen sehen wollen. Liest man sich nämlich den Text des französischen Beitrags durch, könnte man ihn sowohl als Antikriegslied als auch als eine Metapher für das Wiedererstarken einer Persönlichkeit nach einer gescheiterten Liebesbeziehung interpretieren:

I am here tonight
In the middle of these ruins
In order to talk about hope
And to sing about life
And I make the promise
That when the blood will dry
I will rebuild my village
Even more beautiful than before
But don’t forget

(http://wiwibloggs.com/2015/01/26/n-oubliez-pas-lyrics-lisa-angell/74793/)

Wir würden gemäß einer türkischen Redensart sagen, die Proteste gegen den armenischen und den französischen Beitrag verraten das schlechte Gewissen von allein: „Yarası olan gocunur„. Allein schon aufgrund dieses voreiligen Aufschreis und der oft polemischen und übereifrigen Kritik, die nun laut wird, hat Armenien mit der Wahl des Bandnamens sowie des Songtitels zunächst einmal alles richtig gemacht.

 

Es bleibt festzuhalten

Der ESC bildet, das hat uns der Sieg von Conchita Wurst im letzten Jahr bewiesen, die politische und gesellschaftliche Stimmung in Europa ab. Er hat uns gezeigt, dass Europa in punkto Akzeptanz alternativer sexueller Orientierungen offener und freier gewordener ist. Musik ist eine Form von Kunst und bildet somit stets Gesellschaft ab. Das ist ihr Recht und ein Grund, warum Menschen seit jehher überhaupt Musik machen. Sie ist ein Weg ihren Emotionen und allem, was sie bewegt Ausdruck zu verleihen. Wir dürfen gespannt sein, ob Armenien nun tatsächlich einen „Gedenksong“ präsentiert, oder lediglich mit einem Titel und Bandnamen aufwartet, der zunächst einmal Assoziationen zur Geschichte der Armenier zu Tage fördert, um sich dann als allgemein gehaltene Gesellschaftkritik oder gar Liebeslied zu entpuppen. Wenn „Don’t deny“ im März bei der armenischen Vorpräsentation präsentiert werden wird, wissen wir mehr. Alles wäre aber legitim.

Musik ist eine Form von Kunst. In dieser Eigenschaft bildet sie stets Gesellschaft und gesellschaftlich relevante Themen ab. Das darf sie sowohl auf zwischenmenschlicher als auch auf politischer Ebene und beim ESC genauso wie in Wacken.

 

 

 

Nachtrag:

Kurz nachdem wir den Artikel veröffentlicht haben, wurde bekannt dass mit der US-armenischen Sängerin und Songwriterin Tamar Kaprelian nun das zweite Bandmitglied der Gruppe GENEALOGY feststeht.

Das Video zum Titel „Purified“ aus ihrem 2010 erschienenen Album „Sinner Or A Saint“ kann hier angeklickt werden: http://vdownload.eu/watch/5357632-tamar-kaprelian-purified.html 

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