Das Gespenst des Völkermords quält Diyarbakirs Kurden

1915 wurden mehr als eine Million Armenier und eine Dreiviertelmillion Angehöriger anderer Minderheiten innerhalb weniger Monate auf Befehl der Regierung der Jungtürken deportiert und exekutiert. Ein Jahrhundert später wird dieser Völkermord immernoch von der türkischen Republik geleugnet, aber in den orientalischen Regionen Anatoliens, den Hauptschauplätzen der Vernichtungsmaßnahmen, ist die Erinnerung am Leben geblieben.

An eine Basaltsäule gelehnt, spricht Muhammed Enes mit zitternder Stimme jeden an, der sich dem Altar nähert. „Darf ich Sie im Rahmen einer Besichtung führen? Die Kathedrale „Surp Giragos“ in Diyarbakir (kurdisch: Amed, armenisch: Tigranakert), in Nordkurdistan, dem Südosten der Türkei wurde 1376 erbaut. Sie ist die älteste armenische Kirche des gesamten Mittleren Ostens, und bietet Platz für bis zu 3000 Gläubige. Ein Kanoneneinschlag hat ihr Glockenspiel 1915 zerstört“, fährt der kleine Junge im selben, leicht verschüchtert wirkenden Tonfall fort, während er bei der Erwähnung der Kanone die Auge aufreißt.

Muhammed ist zu jung, um in den Ruinen von Surp Giragos gespielt zu haben. Die Kirche wurde restauriert und im Herbst 2011 wieder für Messen freigegeben. Er ist zu jung um die Massaker und Deportationen begreifen zu können, die diese Mauern, diese Stadt und dieser Teil Anatoliens beinahe ein Jahrhundert vor seiner Geburt bezeugt haben. Dennoch versteht der Schüler, der die Glocken bei ihrer Neuerschaffung hörte, mehr als die Geschichtsbücher ihn lehren könnten.

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Nach 97 Jahren läuteten 2012 die Glocken der Surp Giragos Kathedrale von Diyarbakir zum ersten Mal wieder zur Hochzeit; Bild: http://i.radikal.com.tr/RY12li510x340/2012/11/05/fft28_mf1189196.Jpeg

Zu oft und zu voreilig wird, wenn es um die Türkei und den Völkermord an den Armeniern, Aramäern / Assyrern, Griechen und Jesiden geht, die staatliche Leugnung mit einer Leugnung durch die komplette Zivilgesellschaft gleichgesetzt. Dabei vergisst man nur allzu oft, dass die Erinnerungen dieser Völker in jedem Stück Boden des Landes, auf dem sie über Jahrtausende lebten, steckt, und dass das die Erinnerung ebenso im Geiste des Volkes steckt, das sie für ebenso lange Zeit seine Nachbarn nannte: die Kurden.

„Die Menschen hier wissen, dass ein Völkermord stattgefunden hat und leugnen dies auch nicht“ versichert Aram Hacikyan, der Wächter der Kathedrale Suro Giragos. Aram erzählt uns von seinem Großvater, einem Jungen der durch die Ermordung seiner Eltern 1915 zum Waisen wurde. Er wurde von einem Kurden adoptiert, zum Islam konvertiert, jedoch wurde seine armenische Herkunft niemals versteckt. „In unserer Familie war immer das im Gegensatz zu vielen Anderen nie der Fall. Dass ich ein armenischer Genozidwaise bin, war niemals ein Geheimnis“

Noch 1914 lebten rund 60.000 Armenier in Diyarbakir. „Dieser Ort hat hohe Symbolkraft für den Völkermord, denn er steht für eine ehemals sehr heterogene Bevölkerung; 30% Armenier, dann die kurdische Mehrheit sowie Aramäer / Assyrer, Turkmenen, etc. Doch diese Symbolkraft beruht auch auf der Person Dr. Resits, der hier 1915 Gouverneur war. In einem Telegramm rühmte er sich der Ermordung von 160.000 Armeniern.  Die meisten Todesmarschkonvois haben in der Tat Diyarbakir passiert, bevor diejenigen, die noch am Leben waren, in die syrische Wüste Deir ez-Zor getrieben wurden“ erklärt Adnan Celik, Doktorant am „Ecole des hautes études en sciences sociales de Paris“.

Adnan Celik, dessen Großmutter eine „bavfilleh“ (kurdisches Wort für islamisierte ArmenierInnen) war, hat kürzlich eine Werk über das Gedenken an den Völkermord bei den Kurden in Diyarbakir veröffentlicht. „Das Fehlen der Armenier hier, ist ein unendlicher Schmerz. Die Menschen hier erzählen sich Anekdoten von hanebüchener Gewalt bis ins kleinste Detail, so als sei es erst gestern passiert.“

Der junge Anthropologe verstummt kurz, und beginnt über die politische Bewegung der Kurden zu sprechen, die „seit ihre Abgeordneten und Kommunalpolitiker (Partie HDP / BDP) sich der offiziellen Version Ankaras entgegenstellen, von Völkermord sprechen und auch von der Rolle der Kurden währenddessen“. Viele waren ebenfalls fanatisierte und eifrige Helfer. Dr Resit hätte niemals den Tod von 160.000 Armeniern beklatschen können, wenn nicht einige einflussreiche Großfamilien aus Diyarbakir und zahlreiche weitere kurdische Clanchefs ihn aktiv unterstützt hätten. Diesen Männern versprach und gab man dieses und jenes Feld oder Haus als Lohn dafür, dass sie die armenischen Besitzer umbrachten. Man missbrauchte ebenfalls ihre Religiösität und versprach ihnen das Paradies für den Mord an sieben Christen. „Das ist kein Anachronismus. 1915 existierten in der Region noch keine nationalistischen Bestrebungen. Diejenigen hier, die am Völkermord teilnahmen, taten dies oft als gläubige Muslime in der Annahme durch die Ermordung von Ungläubigen das Richtige zu tun“, fährt Celik fort.

Mit zerknischtem Gesicht sagt Abdullah Demirbas dazu: „Diese Kurden wurden von Staat betrogen, um Armenier zu schlachten“, trotz jahrhundertelangem Zusammenlebens. „Mein Großvater erzählte mir diese Geschichte eines Pfarrers, der zu einem Kurden sagte, um ihn zu überzeugen ihn nicht zu töten: „Wir sind das Frühstück, ihr werdet das Mittagessen sein.“ Und so ist es gekommen“, seufzt der Lokalpolitiker.

Wie viele Menschen in Diyarbakir sieht Abdullah Demirbas eine Kontinuität zwischen dem Völkermord des Osmanischen Reichs an den Armenier, Aramäern / Assyrer, Griechen und Jesiden und den, sich ab einem Jahrzehnt später zu Beginn der türkischen Republik anschließenden, und sich bis in die Gegenwart ziehenden, Massakern an Kurden. „Wir als Enkelkinder der Helfer des Völkermords müssen uns dieser Vergangenheit stellen. Nicht nur, um uns unsere Schuld einzugestehen, sondern vor allem um eine gemeinsame Zukunft aufzubauen“, beharrt er.

„Eine Zukunft aufbauen“ für den ehemaligen Bürgermeister von Sur, dem historischen Viertel Diyarbakirs, wo einst zahlreiche Armenier lebten, ist das mehr als eine Floskel. 2009 spielte Abdullah Demirbas eine zentrale Rolle bei der Restauration der armenischen Kathedrale mit Unterstützung der Kantonsverwaltung und des Surp Giragos Fördervereins.

Im Antlitz seines imposanten breitschultrigen Körperbaus, gesteht er am Tag der Einweihung, dass er „vor Schwäche weinte“. „Ich habe den Eindruck einen Teil meiner Schulden zurückgezahlt zu haben“, sagt er. „Das ist mehr als eine Kirche. Das hier wird ein Ort der Begegnung für alle Armenier“, bekräftigt Aram Hacikyan, der Wächter des Ortes und zitiert Besucher aus Europa, Armenien und den USA: „Immer mehr Diasporaarmenier haben nun weniger Angst in die Türkei an die Orte des Völkermords zu reisen, seit sie wissen, dass die Kathedrale wieder existiert“.

Abdullah Demirbas, der ehemalige Bürgermeister, ist der Meinung, man müsse noch langfristiger denken, und dafür sorgen, dass die Armenier nach Diyarbakir zurückkommen. Er erwägt eine armenische Schule und schlägt sogar die Errichtung eines „Völkermordsmuseums“ vor. „Wir können nicht warten, bis der Staat reagiert. Wir müssen ihn dazu zwingen“, sagt er. Historiker Adnan Celik ist da skeptischer. „Zahlreiche Kurden erkennen den Völkermord an, entschuldigen sich und dann? Es ist nicht so, dass sie die eigentlichen Schuldigen wären. Die große Frage ist, was der Staat, der seit 100 Jahren leugnet, tun wird.“

Im Hof der Kirche, auf dem noch vom letzten Regenschauer nassen Basalt, schüttelt Armen Demircan den Kopf. Dreißig Jahre lang wusste er nichts von seinen armenischen Wurzeln. Seine Großeltern wurden während des Völkermords getötet. Sein Vater war 1915 vier Jahre alt. Er hat ihm nie davon erzählt und Armen hatte niemals gefragt. Aber heute möchte er es wissen, und er will dass es jeder weiß. „Man kann den Schmutz nicht ewig unter den Teppich kehren“, schlussfolgert er und fährt fort: „Früher oder später, wird man wachgerüttelt. Dann kommt all der Schmutz zum Vorschein.“

 

Artikel in französischer Originalsprache:

http://www.letemps.ch/Page/Uuid/ee1fe3d0-e14d-11e4-aa18-ff4de01147fa/Le_fant%C3%B4me_du_g%C3%A9nocide_arm%C3%A9nien_hante_les_Kurdes

Anmerkung des Autorenteams: Die Rolle der Kurden in Dersim (Tunceli), wo man Flüchtlingen von Anfang an Unterschlupf gewährte und sich nicht an den Vernichtungsmaßnahmen beteiligte, war während des Völkermords eine andere. Die Rolle der Kurden unterschied sich oft von Region zu Region.

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