Alevitische Familien und Schülerinnen im Visier: Gewaltsame Angriffe in der Türkei und Gruppenzwang in Deutschland

Zum Ende des Ramadan häuften sich vergangene Woche in der Türkei gewaltsame Übergriffe auf Aleviten. Auch in Deutschland vermeldet die AABF (Alevitische Gemeinde Deutschland e.V.) vermehrt Fälle, in denen alevitische Schülerinnen aufgrund ihrer Konfession unter Druck gesetzt werden.

 

Mutter erleidet Knochenbruch, Familienvater schwebt in Lebensgefahr

Dass sie sich an einem heißen Sommertag im Stadtteil Kestel in der, knapp 3 Millionen Einwohner zählenden, west-türkischen Stadt Bursa mit einem Eis erfrischen wollte, wurde einer Familie alevitischen Glaubens Anfang der Woche zum Verhängnis.

Zunächst fing ein Mann, der von einer Parkbank den Eiskauf zufällig beobachtete, an sich lautstark darüber zu beschweren. Grund für seine Erregung war die Tatsache, dass im Fastenmonat Ramadan nach sunnitischem Glauben jegliche Nahrungsaufnahme vor Sonnenuntergang verboten ist. Die alevitischen Fastenvorschriften und -zeiten, Muharrem und Hizir, unterscheiden sich jedoch stark von denen der sunnitischen Mehrheitsbevölkerung der Türkei.

Als sich durch das lautstarke Schimpfen eine immer größer werdende Menschentraube bildete, versuchte die alevitische Familie Gül zu flüchten, wurde jedoch dabei mit Schlagstöcken attackiert. Die Mutter, Nurgül Gül, erlitt einen Knochenbruch in der Rückengegend. Der kleine Sohn der Familie wurde ebenfalls schwer verletzt. Familienvater, Daimi Gül, liegt seit dem brutalen Angriff auf der Intensivstation des Şevket Yılmaz Krankenhauses, und ringt um sein Leben. Die mit Schlagstöcken bewaffneten Angreifer sollen laut der Zeitung Haber Sol Mitglieder der rechtsradikalen Ülkücü-Bewegung (Graue Wölfe) gewesen sein. Evrensel sowie diverse andere Nachrichtenportale bestätigen die Meldung unter Berufung auf die Nachrichtenagentur DIHA.

FDP-Politiker und Menschenrechtsaktivist Tobias Huch rief in einem Video auf Facebook zur Verbreitung des Hashtags „#Dondurma“ (türkisches Wort für Speiseeis) als Zeichen der Solidarität mit der Familie Gül auf.

Nurgül Gül im Şevket Yılmaz Krankenhaus von Bursa; Bild: Forum für Aleviten (https://www.facebook.com/ForumfuerAleviten/photos/a.1499155890372100.1073741830.1497042970583392/1678977545723266/?type=1&theater)

 

Angriff auf Aleviten auch in Maraş

Nur einen Tag später wurde in der, rund 1 Million Einwohner zählenden, südost-türkischen Stadt Kahramanmaraş, kurz Maraş, wieder eine alevitische Familie angegriffen. Die Angreifer sollen sich dabei für eine Wiederholung des Maraş- Massakers von 1978 ausgesprochen haben. Bei den Angreifern soll es sich um die Nachbarn der Opfer handeln.

Laut Size Haber wurde dabei eine schwangere Frau von den radikalen Islamisten gewaltsam attackiert und verletzt. Mehrere alevitische Vereine, sowie die größte türkische Menschenrechtsorganisation IHD verurteilten die Tat. Das berichtet u.a. die Nachrichtenseite ETHA.

 

Mahnmal für die Opfer von Sivas in Ankara geschändet

Bereits vor einer Woche berichteten u.a. die Zeitungen Radikal und Birgün darüber, dass in der türkischen Hauptstadt Ankara eine symbolische Grabgedenkstätte für die Opfer des Progroms von Sivas, derer jedes Jahr am 02. Juli gedacht wird, geschändet wurde. Laut Birgün setzt sich der HDP-Abgeordnete Türgut Öker bei höchster Stelle für eine Aufklärung ein.

 

Regierungsnahe Medien machen die Täter zu Opfern

In einem am 16. Juli auf „Breaking News Israel“ veröffentlichten Artikel von Burak Bekdil wird die Mediendarstellung regierungsnaher AKP-Zeitungen scharf kritisiert. Bekdil beschreibt darin, wie, so der Autor wortwörtlich, „islamistische Medien“ die Täter von Sivas zu Opfern machen, und bringt dies u.a. damit in Verbindung dass einige Anwälte der Brandstifter vom Madımak-Hotel später in der regierenden Partei AKP Karriere machen konnten. Zwei von ihnen sind heute die persönlichen Anwälte des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, ein weiterer erreichte den Rang des Justizministers.

 

Auch alevitische Schülerinnen in Deutschland stehen unter Druck 

In Deutschland geraten Aleviten derweil zunehmend unter Druck durch islamistische Tendenzen.

In einer kürzlich veröffentlichten S T E L L U N G N A H M E zum Thema Kopftuchverbot für Lehrerinnen an öffentlichen Schulen/ gesetzliche Umsetzung des Bundesverfassungsgerichtsbeschlusses vom 27. Januar 2015, Az. 1 BvR 471/10) im Rahmen der Anhörung der baden-württembergischen CDU- und FDP/DVP-Landtagsfraktionen der AABF (Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. / Almanya Alevi Birlikleri Federasyonu) heißt es:

Bei der Zentrale der Alevitischen Gemeinde Deutschland e.V. in Köln gingen in letzter Zeit gehäuft Anrufe von besorgten Eltern ein, die berichteten, dass ihren Töchtern von kopftuchtragenden Mitschülerinnen die Verletzung religiöser Regeln vorgeworfen wurde.

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