Darum sollten Israel und Armenien sich für die Jesiden einsetzen

Historiker Stefan Ihrig hat unter Berücksichtigung neuester geschichtswissenschaftlicher Erkenntnisse einen bewegenden und aufrüttelnden Artikel über die gesellschaftliche Rezeption der Sexsklaverei des Islamischen Staats geschrieben, der am 18. August 2015 in der englischsprachigen Ausgabe der Huffington Post veröffentlicht wurde. Der Artikel ist brillante psycho-soziale Analyse, arbeitet mit unbequemen und zugleich präzisen historischen Analogien zur zeitgenössischen medialen Darstellung der Hamidischen Massaker, des Völkermords an den Armeniern, Aramäer / Assyrern, Pontosgriechen und jesidischen Kurden in der deutschen Presse und des Holocausts in der US-Presse. Das macht ihn zu einem glühenden Plädoyer endlich aus der Geschichte zu lernen und zu handeln. Wir haben ihn übersetzt.

 

Das verstörende Exposé der New York Times von Anfang August 2015 über das Sexsklaverei-System des Islamischen Staats, dem vor allem jesidische Frauen zum Opfer fallen, war kurz nach Erscheinen einer der meist gelesenen Artikel auf der Internetseite der renommierten US-Zeitung. Und ja, in einem doppelt perversen Sinn fühlt es sich für ein paar Minuten gut an, moralisch empört auf die Gräueltaten des IS zu reagieren. Aber lasst es uns uns nicht allzu bequem machen in unserer Empörung über das, was die Times als „Theologie der Vergewaltigung“ betitelte. Die Sache ist nämlich, dass wie dazu neigen zu schnell zu vergessen, wie schnell wir vergessen. Die Geschichte der Massenmedien und Grausamkeiten in der modernen Welt hat uns gelehrt, dass die Hürde für uns, uns wirklich zu kümmern und engagieren, auch nur uns klar zu machen, wo gerade Unrecht und Grausamkeiten stattfinden, ungeheuer hoch ist. Die Geschichte des letzten Jahrhunderts liefert uns eine schier unendliche Liste der Gräuel, die nicht gestoppt wurden, obwohl sie ausreichend belegt wurden und wir meist gut über sie informiert waren. Wir, als Staaten und Gesellschaften, interessieren uns einfach nicht wirklich dafür. Wir möchten denken, dass wir es tun würden, aber erfahrungsgemäß tun wir es nicht. Der letzte Fall vorliegende Fall ist die bloße Existenz eines Sklavenmarktes für jesidische Frauen im Jahr 2015.

 

Bild: http://news.am/eng/news/282192.html

Wir Menschen und wir modernen Gesellschaften neigen zur ungeheuren Fähigkeit, Dinge die auf unserem Planeten passieren aufzuspalten. Meistens ordnen wir sie so ein, dass sie weit weg von uns stattfinden und einfach keine Bedeutung für unsere Lebenswirklichkeiten haben. Noch stärker ausgeprägt ist unsere Fähigkeit, Dinge die wir über Tragödien und Kriege, die sich um uns herum abspielen, lesen, hören oder sehen, zu vergessen und aus unserem Gedächtnis zu verbannen. Unsere Fähigkeit als Gesellschaften Realitäten mit denen wir durch Reportagen oder mediale Thematisierung konfrontiert werden, zu vergessen, herunterzuspielen und misszuverstehen, hat eine lange Tradition.

Lassen Sie mich nur zwei Beispiele aus dieser dunklen Tradition des Desinteresses anführen, um anschaulich zu machen, wie leicht uns das fällt und immer fiel. In den 1890er Jahren brachen im Osmanischen Reich Massaker unter Sultan Abdül Hamid II aus. Mehrere zehntausend Armenier wurden im Zuge dessen innerhalb von drei Jahren getötet. Deutschland unterhielt damals besonders enge Beziehungen zum Osmanischen Reich, und war sehr gut über die Gräueltaten der Armee des Sultans informiert. Aus eigenen Quellen und aus englischen Gazetten druckte die deutsche Presse Berichte des Grauens, die derart genau und authentisch über Massentötungen der Armenier informierten, dass dem Leser auch heute noch kalt der Schauer über den Rücken läuft. Dennoch haben sie es nicht vollbracht eine auch nur halbwegs bedeutende Reaktion innerhalb der deutschen Gesellschaft als solche hervorzurufen.

 

Hamidische Massaker, der Völkermord des Osmanischen Reichs an seinen Minderheiten und der Holocaust

Die Zeitungen wurden später mit dem Kurs der deutschen Reichsregierung gleichgeschaltet. Damit einhergehend spielte man die Grausamkeiten als britische Propaganda herunter oder rechtfertigte sie unverblümt. Einige kritische Blätter wurden einfach verboten und geschlossen. Das deutsche Reich begründete diese Schließungen damit, die Zeitungen seien von Minderheitenthemen besessen, weil ihre Besitzer Juden waren. Andere Zeitungen schwiegen entweder gänzlich oder gingen einen anderen Weg, um eine Art von Echo zu erhalten. Deutschland war mit dem Osmanischen Reich verbündet. Dementsprechend wurden in vielen Zeitungen der gleichgeschalteten Presse rassistische Rechtfertigungen für die Massaker abgedruckt, oder man umging die Thematisierung indem man betonte, Deutschland habe andere Probleme, um die es sich kümmern müsste. Aber man sollte das Deutschland der 1890er nicht allzu schnell verurteilen. Alle anderen Großmächte taten trotz einer Vielzahl von verstörenden gesicherten Informationen ebenfalls beinahe nichts, um den Armeniern beizustehen.

Als 20 Jahre später der Völkermord an den Armeniern einsetzte, gab es eine deutsche Zeitung, die als Sprachrohr des politischen Katholizismus galt. Sie ging damals noch einen Schritt weiter, als es darum ging Desinteresse an der Situation der Armenier zu rechtfertigen. Lakonisch meinte man zu beobachten, dass es Ansichtssache sei, ob es viele oder nicht so viele Christen im Osmanischen Reich gäbe. Was die Zeitung zu vermitteln versuchte war, dass die Zahl der Christen im Osmanischen Reich nur hoch anzusetzen sei, wenn man orthodoxe Christen, wie es die Mehrzahl der Armenier war, als echte Christen ansehen würde. Man schrieb das nicht explizit, aber es war klar, dass man versuchte die Botschaft zu vermitteln, die 2500 Kilometer und mehr entfernten Armenier seien keine echten Christen, und könnten den deutschen Katholiken daher egal sein.

Ein anderes Fallbeispiel das zeigt, dass das Ausmaß einer humanitären Katastrophe wenig Einfluss auf unsere Fähigkeit hat, nicht zu verstehen, zu unterdrücken, herunterzuspielen, usw., stellt der Holocaust an Europas Juden dar, als er in vollem Gang war. Geradezu beiläufig wurden Artikel von Deborah Lipstadt und anderen, die über den in vollem Gang befindlichen Holocaust schrieben, routinemäßig auf unwichtige, wenig gelesene Seiten US-Amerikanischer Zeitungen verbannt, um ihre Bedeutung herabzusetzen. Eine neue Studie von Michael Fleming untersucht, wie Nachrichten über Auschwitz an die Alliierten herangetragen wurden, und wie man sie aufgenommen hat. Er dokumentiert sorgfältig alle Hürden, die übersprungen werden mussten, bevor diese Nachrichten über die Gräuel an dem Ort, der heute als Sinnbild des Holocausts gilt, endlich von Spitzenpolitikern und Medien vollständig ernst genommen wurden. Fleming widerlegt den Mythos, die Alliierten hätten bis zur Endphase des 2.Weltkriegs keine verlässlichen Informationen über Auschwitz gehabt. In der Tat verfügten sie bereits deutlich früher über verlässliche Informationen. Aber zu glauben sie hätten es nicht, ist einfach viel bequemer.

 

Die Sexsklaverei des IS

Wir haben also nun mehr und mehr verstörende Informationen über die Gräueltaten des ISIS, und wir empören uns über sein System der Sexsklaverei. Das sollten wir auch!

Aber was dann? Mit der Zeit wendet man seinen Blick weg von Artikel, wie dem eingangs erwähnten aus der New York Times, und beginnt die verstörende Information zu verdrängen, um Platz für „wichtigere Dinge“ zu schaffen. Uns so zu verhalten lernen wir jeden Tag. Aber irgendwer muss etwas tun. Warum? Weil es einfach viel zu einfach ist, sich nicht für die Jesiden zu interessieren. Und die meisten unter uns haben bereits die Vertreibung von zehntausenden Jesiden und die beinahe wundersame Rettung einiger von ihnen durch die kurdische YPG im Sommer 2014 vergessen. Sie sind schließlich nicht nur weit weg. Die überwältigende Mehrheit von uns hat keinen einzigen Angehörigen der Religionsgemeinschaft der Jesiden in Freundeskreis oder als Nachbarn. Und schlussendlich und das ist wahrscheinlich das springende Punkt, sind sie weder Christen, Juden oder Muslime. Ihr Glaube kommt uns im wahrsten Sinne des Wortes einfach nur „fremd“ vor.

Angesichts ihrer eigenen Geschichte, sollten zumindest Israel und Armenien sich politisch für die Jesiden einsetzen. Wie die Armenier und Juden in 1890ern, während des Völkermords von 1912-1922 und während der Shoah, haben die Jesiden aktuell noch kein eigenes Staatssystem, keine Armee und nirgendwo eine bedeutende Lobby. Und genau weil sie das nicht haben und weil sie „keine von uns“ sind, sind sie so bedeutend und sollten ihre Leben uns wichtiger sein, als die Zerstörung der Kulturdenkmäler von Palmyra. Nachdem wir als Welt unter Beweis gestellt haben, dass wir uns nicht wirklich für Christen, sunnitische und schiitische Muslime in Syrien, oder Kurden und alle anderen Einwohner des jetzt vom ISIS kontrollierten Teil des Iraks interessieren, sollten die Jesiden der letzte Strohhalm sein. Leider werden sie dies aber wahrscheinlich nicht sein. Der ISIS ist sich sehr stark darüber im Klaren, was ihm wichtig ist und was nicht. Wie sieht es mit uns aus?

 

 

Anmerkungen

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